Ratgeber · 2. November 2026
Schutzsymbole im Orientteppich: Die wichtigsten Motive und ihre Bedeutung
Ein Orientteppich ist weit mehr als ein schöner Bodenbelag. Viele Knüpferinnen und Knüpfer haben in ihre Muster Zeichen eingearbeitet, die nach alter Überlieferung Haus und Familie beschützen sollen – vor dem „bösen Blick“, vor Unglück, Krankheit oder wilden Tieren. Fachleute nennen solche Zeichen apotropäisch, also „Unheil abwehrend“. Wir stellen Ihnen die wichtigsten Schutzsymbole vor und zeigen, woran Sie sie erkennen.
Wo man Schutzsymbole findet
Am deutlichsten sind Schutzzeichen in Nomaden- und Dorfteppichen: in kaukasischen Teppichen wie dem Kasak, bei Belutsch-, Kurden- und Gashgai-Stücken sowie in Kelims. Hier knüpften die Frauen oft aus dem Gedächtnis und legten ihre Wünsche und Ängste direkt in das Muster. In den feinen Manufakturteppichen der Städte wie Isfahan, Täbris oder Kaschan steht dagegen eher die Symbolik des Paradiesgartens im Vordergrund – doch auch dort tauchen viele der folgenden Motive auf.
1. Das Auge – Schutz vor dem bösen Blick
Der Glaube, dass ein neidischer oder missgünstiger Blick Schaden anrichten kann, ist im ganzen Orient verbreitet. Das Auge (persisch und türkisch Nazar) soll diesen Blick zurückwerfen. Im Teppich erscheint es stark vereinfacht: als Punkt in einer Raute, als kleiner Kreis oder als Raute mit Mittelpunkt, oft in der Bordüre.

2. Das Amulett – der geknüpfte Talisman
Viele Teppiche zeigen kleine Dreiecke oder Dreiecke mit Anhängern. Sie bilden die Amulette nach, die Menschen früher als Talisman bei sich trugen und in denen oft ein Schutzspruch steckte. Im Teppich sollten sie die gleiche Wirkung für das ganze Haus entfalten.
3. Die Hand – fünf Finger gegen das Böse
Die offene Hand, im Volksmund „Hand der Fatima“ genannt, zählt zu den ältesten Schutzzeichen der Region. Im Teppich ist sie selten naturgetreu, sondern meist als geometrische Form mit fünf Fingern oder als fünfteiliges Motiv angedeutet. Auch die Zahl Fünf selbst galt als glückbringend.
4. Skorpion, Schlange und Spinne – Gleiches bannt Gleiches
Gefährliche Tiere im Teppich wirken zunächst überraschend. Dahinter steht eine uralte Vorstellung: Wer das Gefährliche abbildet, gewinnt Macht darüber. Der Skorpion erscheint als kantige Figur mit Scheren und gebogenem Schwanz, die Schlange als S-förmiges Zeichen – im Kaukasus oft als Wächter verstanden. Die Spinne wird gerne als achtzackiger Stern dargestellt.

5. Wolfsspur und Widderhorn – Schutz für Herde und Familie
Für Nomaden war der Wolf die größte Gefahr für die Herde. Die stilisierte Wolfsspur oder das „Wolfsmaul“ sollte die Tiere schützen. Das Widderhorn, eine geschwungene, hakenförmige Figur, steht für Kraft, Männlichkeit und Fruchtbarkeit und galt ebenfalls als schützend.

6. Kreuz und Haken – Zeichen der Abwehr
Kleine Kreuze, Haken und gezackte Ränder sind in vielen Stammesteppichen zu finden. Das Kreuz teilt das Böse in vier Teile und macht es damit unschädlich, die Haken sollen Unheil „abwehren“. Deshalb sind viele Medaillons und Rauten mit hakenförmigen Rändern verziert.


7. Hahn und Hund – die Wächter
Der Hahn kündigt den Tag an und vertreibt nach dem Volksglauben die Geister der Nacht. Der Hund gilt als treuer Beschützer des Hauses. Beide Tiere erscheinen vor allem in Dorf- und Nomadenteppichen, meist als kleine, kantige Figuren zwischen den Hauptmotiven.

8. Drache und Phönix – mächtige Schutzgeister
Anders als im Westen ist der Drache im Orientteppich kein Ungeheuer, sondern ein Schutzgeist, der mit Wasser und Fruchtbarkeit verbunden ist. Berühmt sind die kaukasischen Drachenteppiche. Oft kämpft der Drache mit dem Phönix, einem Motiv, das über die Seidenstraße aus China kam.
9. Die Bordüre – eine Mauer um den Garten
Auch der Aufbau eines Teppichs hat eine schützende Bedeutung. Viele Orientteppiche stellen einen Paradiesgarten dar. Die Bordüre umschließt ihn wie eine Mauer und hält alles Ungute draußen. Darum sind gerade die Ränder oft mit Augen, Haken oder Amuletten besetzt.

10. Lebensbaum, Granatapfel und Boteh – Glück und Segen
Neben den reinen Schutzzeichen gibt es Motive, die Segen ins Haus bringen sollen. Der Lebensbaum verbindet Erde und Himmel, der Granatapfel mit seinen vielen Kernen steht für Fruchtbarkeit und reiche Familie, und das tropfenförmige Boteh – im Westen als Paisley bekannt – gilt als Zeichen für Lebenskraft und die ewige Flamme.


Was das für Ihren Teppich bedeutet
Die Bedeutung eines Motivs kann je nach Region, Stamm und sogar Familie unterschiedlich sein. Vieles wurde mündlich weitergegeben, und manche Deutung ist heute nicht mehr sicher belegbar. Gerade das macht alte, handgeknüpfte Teppiche so besonders: Sie tragen die Hoffnungen und Wünsche der Menschen in sich, die sie geknüpft haben. Ein Kasak mit Haken und Amuletten oder ein Belutsch mit kleinen Augenmotiven ist damit nicht nur ein schönes Einzelstück, sondern auch ein Stück gelebter Überlieferung.
Gerne zeigen wir Ihnen bei einer Besichtigung in Freilassing, welche Zeichen in unseren Teppichen verborgen sind.






